Tagebuch von Werner Alex, Gheorgheni 17. bis 25. Oktober 2013

 

Vorwort:
Ich wollte gar kein Vorwort schreiben, aber weil viele es vielleicht interessieren wird, ob wir bei uns in Gheorgheni eine ähnliche Situation wie die in Bukarest vorfanden, möchte ich an dieser Stelle Entwarnung geben. Nein, wir haben keine grausam getöteten oder sonst wie misshandelten Hunde gesehen. Wir haben in der ganzen Zeit unserer Anwesenheit nur einen einzigen toten Hund am Straßenrand liegen sehen. Ich habe ihn mir genau angesehen, um mich davon zu überzeugen, dass er tot ist oder ob man noch helfen kann. Er war tot. Es waren keine äußerlichen Verletzungen erkennbar. Da wir nicht dabei waren als er starb, ist es im Nachhinein schwer zu sagen, wie er zu Tode gekommen ist.

1. Tag – Donnerstag – 17.10.

Heute ist mein 1. Tag hier in Rumänien, der erste von 9 Tagen (den letzten Tag zähle ich nicht, da wir schon frühmorgens um 2:15 aufstehen mussten). Wir sind hier gelandet in Tirgu Mures. Draußen am Flughafengebäude steht „Transilvania Airport“, klingt für mich ein wenig nach Dracula. Den Gedanken an den blutrünstigen Vampir kann man haben, ich werde den jetzt aber nicht weiterspinnen. Ich bin hier mit Ingrid, Barbara und Sabine, wir bilden das Team, das als Karpatenstreuner hier ist. Wir werden noch Unterstützung bekommen vom Kastra-Team, das aus dem Tierarzt Razvan und seinen beiden Helfern Janos und Norbert besteht. Janos wird mit Helfern unterwegs sein, die Hunde einzufangen und Norbi assistiert Razvan, indem er die eingefangenen Hunde für die OP vobereitet (OP-Stelle frei rasieren und Spritzen geben) und zu guter Letzt noch Agota, die die „fertigen“ Hunde katalogisiert.

Nachdem wir unseren Mietwagen in Empfang genommen haben, sind wir gute 2 Stunden unterwegs gewesen, bis wir in unserer Unterkunft angekommen sind. Da haben wir nur kurz eingecheckt um uns dann per Auto direkt auf den Weg zum Tierheim zu machen. Bei unserer Ankunft gab es von den Hunden erstmal ein großes „Hallo“ in Form von heftiger Bellerei. Mein persönlicher Eindruck in diesem Moment war, dass die Hunde wohl nicht so oft Menschen sehen, die sie besuchen kommen. Schon an der Eingangspforte zum Tierheim-Gelände steckte zur Begrüßung jemand neugierig seine Hundeschnauze durch ein Loch, durch das man von außen nach innen durchgreifen musste, um per Sperrriegel das Tor zu öffnen. Ich habe dann als erste Diensthandlung erstmal von außen dieses neugierige Etwas begrüßt. Dann sind wir also rauf auf‘s Gelände. Das Gelände ist aufgeteilt in mehrere Bereiche, die entweder Ausläufe sind oder aber mehrere Zwinger in Reihe, die zum Teil parallel angeordnet sind. Der Gang dazwischen wird dann für die Zeit der Zwingerreinigung auch als kleinerer Freilauf genutzt. In diesen Zwingern befinden sich dann so ca. 6-9 Hunde, bestmöglich so zusammen untergebracht, dass sie zueinander passen. In jedem dieser Zwinger stehen dann auch Hundehütten, die aber teilweise schon ziemlich desolat aussehen. Da müssen unbedingt neue her. Aber deswegen bin ich ja hier. Ich bin dann mit den anderen 3 (menschlichen) Karpatenstreunern im Tierheim-Gelände unterwegs gewesen, lange. Da wo es ging bin ich zu den Hunden rein in den Zwinger. Überall wo wir auftauchten sprangen die Hunde wie wild hin an den Zaun, der ihren Lebensraum begrenzt, scheinbar um uns zu begrüßen. Viele Hunde liefen einfach so in „ihrem“ Freilauf umher, einige waren scheu und ließen sich nicht einfach anfassen, aber aggressiv war keiner. Es waren mir völlig fremde Hunde, die ich streicheln konnte. Ich hatte Hand oder Arm teilweise in der Schnauze der Hunde und nicht einer hat mir auch nur einen Kratzer zugefügt. Diese Hunde wollte nur eines: „Berührungen“. Sie wollten mal angefasst werden und spüren wie das ist, wenn ein Mensch sich kümmert – um einen Hund. Es ist mir schon schwer gefallen, da durch zu gehen und irgendeinen Hund nicht zu streicheln. Diese Begrüßung aller Hunde, wenn sie bellend am Zaun stehen, war schon ein Highlight an sich.

Es gibt da große und kleine Hunde, die alle, jeder auf seine Art, liebenswürdig sind. Der eine durch Zurückhaltung, der nächste durch seine Neugier und wieder ein anderer durch seine Aufdringlichkeit, seine Liebe und Zuneigung zu verschenken. Es waren auch, wenn auch nur wenige, einige Hunde dabei, die sich ängstlich zurückzogen in ihre Hütte und da dann teilweise zu dritt ganz eng aneinander gekauert da saßen. Da drinnen fühlten sie sich wohl sicher. Ich habe mich dann vor die Hütte gesetzt, teilweise gelegt, und bin dann mal mit der Hand rein in die Hütte. Sie haben nicht nach der Hand geschnappt oder sind zurück gewichen. Ich glaube, ihre Angst vor den Menschen ist so groß, dass sie noch nicht einmal dazu in der Lage waren zu beißen. Aber es gibt auch die anderen, die nach Berührung und Zuwendung gieren. Davon habe ich heute einige erlebt (erleben dürfen). Es mag nicht jedem Menschen so gehen wie mir, aber ich bin von vielen Hunden gewaschen worden und ich habe es genossen. Für mich ist das nämlich eine Art der Freundschaftsbekundung (Nein, man stirbt davon nicht). Meistens ist es so, wenn Mensch sich entscheidet, einen Hund bei sich aufzunehmen, dann geht er hin (wohin auch immer) und sucht sich den passenden Hund aus. Es geht aber auch andersrum: der Mensch geht hin (ins Tierheim Gheorgheni) und dann kommt irgendwann ein Hund und sagt: „das ist mein Mensch, den hab ich lieb, bei dem möchte ich bleiben“. Wie sieht sowas aus? Der Hund kommt, springt dich an (mit den Vorderpfoten auf meiner Schulter), leckt dich ab (gründliche Wäsche), kuschelt dich in Grund und Boden und lässt nicht nach, du bist sein Mensch. Was macht man da als Mensch? Ich bin noch am Grübeln. Das war übrigens „Effi black-nose“. Von der Optik her, könnte vielleicht ein Golden Retriever mit drinnen stecken (kann mich aber auch täuschen, bin da sicher nicht der Fachmann für). Und sie ist unglaublich lieb aber auch ein Powerpaket. Ich weiß nicht, ob ich für Effi etwas Besonderes an mir hatte, aber ich könnte mir vorstellen, dass Effi jedem neuen Herrchen/Frauchen ein Traumhund sein könnte. Manchmal wünschte ich mir, Lotta & Gelo würden mich so vereinnahmen. Ich bin mal gespannt, was die nächsten Tage so bringen. In einem anderen Zwinger war auch ein ähnlicher Hund wie Effi, auch helles Fell, aber schon älter und wohl auch nicht mehr ganz gesund. Barbara würde sich so sehr für Merlin wünschen, dass er seine vielleicht noch 2 Jahre, die ihm vielleicht noch bleiben, bei Menschen, die ihn lieben, verbringen kann. Auch mir Merlin habe ich lange geschmust und er wollte nicht mehr aus meinem Arm. Irgendwie habe ich heute an meinem 1. Tag den Eindruck, dass helle Hunde (Retriever?) mich wohl besonders mögen. Irgendwann war dann unser Tag da rum. Es fing an zu dämmern und es wurde auch kühler. Wir machten uns mit dem Auto auf dem Weg in die Stadt weil wir für uns noch ein paar Getränke besorgen wollten. Und dann habe ich das gesehen, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet habe und hoffte, dass es nicht passiert: Da lag auf dem schmalen Grünstreifen, der Gehweg und Fahrbahn trennt, ein Hund – bewegungslos. Wir hielten an und ich stieg aus. Ich ging auf den sich nicht bewegenden Hund zu und sah in seine nicht weit geöffneten blauen Augen. Mit Handwinken vor seinen Augen wollte ich versuchen, eine Reaktion des Hundes zu bekommen – Nichts. Dann habe ich ihn angefasst – Nichts. Die Leichenstarre war schon angefangen. Ich vermute, dass der Hund schon 2-3 Tage tot war. Wie der Hund zu Tode gekommen ist, weiß ich nicht, aber er schien keine sichtbaren äußeren Verletzungen zu haben. Aber was ich nicht kapiere ist, mit welcher Gleichgültigkeit die Menschen an einem toten Tier am Straßenrand vorbeigehen. Mit diesen Gefühlen gehe heute Nacht schlafen.

Gute Nacht

 

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